Hetzen, Jammern, Wachsen – Die rechte Erfolgsformel

Clowntroll mit Krone

Doxxing oder Aufklärung?

Jan Böhmermann hat in seiner aktuellen ZDF Magazin Royale-Sendung eine Kontroverse entfacht: Durch geschickt platzierte Hinweise konnte die Identität eines rechtsextremen YouTubers aufgedeckt werden. In der Sendung wurden Bild- und Tonmaterial sowie Indizien präsentiert, die es Zuschauer:innen ermöglichten, Rückschlüsse auf die wahre Identität des rechten YouTubers zu ziehen.

Der Name wurde zwar nicht explizit genannt – dennoch war eine Identifikation leicht möglich. Das wirft die Frage auf, ob damit eine Grenze zur gezielten Enttarnung überschritten wurde. Ob das nun Doxxing war oder nicht, darüber werden wohl Gerichte entscheiden. Was bleibt, ist jedoch die Tatsache, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Identität einer Person offengelegt wurde. Es stellt sich neben der Legalität vor allem die Frage nach dem Zweck – und in weiterer Folge nach der Effektivität.

Rechter Content und Opferinszenierung

Den Namen des geouteten YouTubers muss man hier nicht noch einmal extra erwähnen – der hat ohnehin schon genug Aufmerksamkeit bekommen. Sein Kanal beschäftigt sich vor allem mit Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland – auf YouTube quasi ein eigenes Genre –, mit Hetze gegen Migrant:innen und mit Propaganda für die AfD.

Summa summarum kann ich da gar nicht so viel essen, wie ich beim Konsum dieser mit krakeliger Geiferstimme vorgetragenen rechtsextremen Ergüsse kotzen müsste.

Backlash I – Reichweitenzuwachs durch Aufmerksamkeit

Genau dieser YouTuber darf jetzt öffentlichkeitswirksam darüber klagen, wie der „gemeine Staatsfunk“ gegen ihn vorgeht. Denn wenn Rechte eines noch besser können, als gegen Minderheiten zu hetzen, dann ist es, sich selbst als Opfer zu inszenieren. Und mit dabei ist das ganze Angerverse.

In kurzer Zeit konnte der rechtsextreme YouTuber so seine Abonnent:innenzahl um mehr als 100.000 erhöhen. Ein Effekt, der Böhmermann eigentlich klar hätte sein müssen.

Solche Phänomene sind kein Einzelfall: Auch Spiegel TV zeigte vor Kurzem in einem Beitrag über Dresdner Neonazis, wie mediale Aufmerksamkeit nach hinten losgehen kann. Einer dieser Neonazis war Lukas, ein eher einfältiger junger Mann mit TikTok-Account. Genau dieser Nazi konnte durch das Spiegel-Feature seine Reichweite und damit auch sein Einkommen enorm steigern – wie marcant das sehr anschaulich erklärt.

Backlash II – Unbeteiligte solidarisieren sich

Doch der mediale Effekt beschränkte sich nicht nur auf die rechte Szene selbst. Den aktuellen Diskurs hatte Böhmermann spätestens dann verloren, als sich auch eher unpolitische YouTuber wie Kyzer und Monte zu dem Fall äußerten und sich gegen das vermeintliche „Doxxing“ aussprachen.

Die Frage nach der Effektivität wäre damit wohl beantwortet: Der faschistische YouTuber geht als Sieger mit höherer Reichweite, größerer Bekanntheit und mehr Einkommen aus der Sache hervor. Das rechte Angerverse kann sich wieder einmal genüsslich zum Opfer des Staates stilisieren, und eher neutrale Mitglieder der YouTube-Szene solidarisieren sich mehr oder weniger mit dem AfD-Vorfeld.

Die Trolle wurden also nicht nur gefüttert, sondern gemästet.

Kulturkampf – Gut gemeint, schlecht gemacht?

Die Frage, die noch offen bleibt, ist die nach dem Warum – bzw. was sich die Royal-Redaktion davon erwartet hat. Möglicherweise hat sie den aufschaukelnden Effekt bewusst in Kauf genommen – als kalkuliertes Risiko in einem medialen Kulturkampf, bei dem der Zweck die Mittel heiligt.

Wenn das zutrifft, stellt sich eine unbequeme Frage: Ist das Aufdecken rechter Strukturen am Ende nicht selbst Teil eines Spiels geworden – eines Spiels, das vor allem die Rechten gewinnen?