Die einen brüllen „Ausländer raus!“ und “Plandemie”, die anderen brüllen leise mit. Sozialdemokraten bleiben unsichtbar, gefangen in einer Klientelpoltitk der 70er Jahre. Konservative übernehmen rechte Parolen – nur ohne Putin. Politik im Jahr 2025 gleicht einer Selbstparodie. Besonders bitter ist das bei den Grünen: Aus der Partei der Visionen ist eine Partei der Jausen geworden. Die einstige Systemkritik? Verdrängt vom Zwang, nicht zu stören.

Brettljause mit Leonore

Die Grünen scheinen gefangen in einer politischen Kommunikation, die schon im letzten Jahrtausend nicht mehr so richtig funktioniert hat, und vor allem den Rechtsextremen in die Hände spielt. Die Erhöhung des Stammtisches, die Besinnung auf die „kleinen Leute“, die Betonung des „echten Lebens“ – im Gegensatz wozu eigentlich? Jüngstes Beispiel: Leonore Gewessler. Die frisch gebackene Bundessprecherin der österreichischen Grünen startete als eine ihrer ersten Aktionen eine Tour durch Österreich mit dem Titel „Auf ein Bier mit Leonore“. Auf der Website der Grünen wird die Tour folgendermaßen beschrieben:

„Leonore Gewessler war in ganz Österreich unterwegs. Unter dem Motto ‚Auf ein Bier mit Leonore‘ hat sie Wirtshäuser und Gaststuben, besonders in kleineren Gemeinden, besucht.“

Klingt ja mal nicht schlecht, zumindest auf den ersten Blick. Es soll Volksnähe transportiert werden. Anscheinend sieht man das Volk vor allem in den Wirtshäusern am Land, in kleineren Gemeinden. Dort findet vermeintlich noch das echte Leben statt – ganz im Gegensatz zur pervertierten, verkopften Stadt, wo Künstlichkeit und Abnormität vorherrschen. Ok, das war jetzt sicher überzeichnet, aber insgesamt bedient dieses Wirken ein rechtes Narrativ.

Apropos Rechtes Narrativ. Die Krone in Sachen grüner Selbstverleugnung konnte man letztes Wochenende im Standard lesen. Der Chef der Grünen Oberösterreichs Stefan Kaineder besucht ebenfalls jedes Wochenende ein anderes Wirtshaus und begündet das folgendermaßen:

„Die Grünen, so sieht es Kaineder, müssten weg von der Klugscheißerei, vom Besserwissen hin zu offenen Gesprächen mit Menschen.“

Kaineder macht sich damit mit einem rechtextremen Erzählung gemein. Er übt sich in Antiintellektualismus. Hier die Schule des Lebens, der Hausverdstands, die normalen Leute, dort auf der anderen Seite die Besserwisser, die Faktenscheißer, die uns mit ihren unangenehmen Wahrheiten auf die Socken gehen. Es fällt mir gerade schwer in Worte zu fassen, wie fatal diese Kommunikation ist. Die Rechten haben es geschafft, dass Spitzenfunktionäre der Gegner Teile ihrer Propaganda übernehmen und sogar verstärken, weil sie natürlcih viel glaubwürdiger wirken.

Dabei wäre es vollkommen in Ordnung, dass Leonore Gewessler Wirtshäuser in kleinen Gemeinden besucht. Interessant ist aber, wo sie nicht hingeht: auf Universitäten, zur Zivilgesellschaft oder einfach in Städte. Dass man auf besagter Homepage gleich mehrmals Leonore Gewessler bei der Jause mit Fleisch bestaunen kann, ist ganz bestimmt kein Zufall, sondern ein bewusster Versuch der Anbiederung. Des rechte Narrativ, dass die Grünen zu verkopft und zu weit weg von „den Menschen“ seien, funktioniert so gut, dass ihn mittlerweile sogar sie selbst glauben und meinen, gegensteuern zu müssen.

Wie sonst ist es zu erklären, dass ausgerechnet Gewessler am Bundesparteitag der Grünen unbedingt mitteilen musste, dass sie ihren Mann im Flugzeug kennengelernt hätte und selbstverständlich auch ein Auto besitze – und damit sogar fahre. Mich erinnert das ein wenig an Kamala Harris, der es besonders wichtig war, zu betonen, dass sie Schusswaffen besitze. Wie gut diese Anbiederung funktioniert hat, wissen wir ja alle, immerhin wurde sie damit zweite bei den US-Präsidentschaftswahlen.

Dabei könnten wir alle von der Kommunikation der Rechtsextremen lernen. Niemand bricht radikaler Konventionen und Regeln als Donald Trump. Während ausgerechnet die Grünen – ursprünglich DIE radikale Partei gegen Konventionen – mit Krampf brav, angepasst und konventionell sein wollen. Konventionen und Usancen zu brechen ist natürlich einfacher gesagt als getan. Demokrat:innen können gewachsene Institutionen und Strukturen nicht einfach wegholzen, aber sie können mutiger Neues wagen und das Unkonventionelle nicht einfach den Arschlöchern überlassen. Die Grünen haben das Narrativ der Alternativlosigkeit nicht nur übernommen, sie glauben das sogar. Allzu viele unsichtbare Grenzen und vermeintlich unüberschreitbare Linien haben sich in unser aller Köpfe eingenistet. Warum nicht fordern, dass ein Liter Benzin 5€ kosten muss? Warum nicht Tempo 80 auf der Autobahn? Warum nicht Autobahnen rückbauen? Und warum eigentlich nicht eine radikale grüne autofreie Vision für Wien entwickeln?

Die wichtigste Erkenntnis aus Trumps Wirken ist aber folgende: Das Streben nach ständiger Kohärenz führt dazu, dass Politiker:innen abgehoben, unflexibel und starr erscheinen. Dagegen hilft keine Wirtshaustour mehr. Ganz im Gegenteil ist die Wirtshaustour ein Symbol für eine fehlgeleitete Poltik, die ihre eigenen Visionen schon lange auf dem Altar der Anbiederung geopfert hat. Einmal erarbeitete Talking Points werden wiederholt, wiederholt und dann nochmal wiederholt – meistens sogar unabhängig vom Kontext. Das ist nicht nur langweilig, sondern trägt noch viel mehr zum Eindruck der Starre und Alternativlosigkeit bei. Auch von Trump kann man lernen, dass die Wähler:innen durchaus Positionsanpassungen, -verschärfungen oder -änderungen verzeihen.

Die vorherrschende Strategie der meisten Parteien, inklusive der Grünen, ist allerdings, möglichst wenig anzuecken. Nur: Warum sollte ich eine Partei wählen, die nicht in der Lage ist, ihre Positionen auch kontrovers zu vertreten? Warum soll ich Grüne wählen, die lieber erzählen, dass sie eh auch ein Auto haben, Fleisch essen, in Wirtshäuser gehen und vor allem zuhören wollen? Bei ÖVP und SPÖ ist die Situation noch viel schlimmer – dort geht abgesehen von Klientelpolitik leider gar nichts mehr. Einzig die FPÖ bietet eindeutige Botschaften und wird dafür mit Wahlsiegen belohnt. Die richtige Konsequenz wäre nicht, ihre Inhalte nachzuplappern – sondern ihren Mut zur Eindeutigkeit und zum Regelbruch zu übernehmen.